Was Besonderes sein

Liebe Arbeit,

ich habe am letzten Wochenende einen Zeitungsartikel* über Gerhard Steidl und seinen Göttinger Verlag und Druckerei gelesen. Obwohl ich mehr als ein Buch besitze, welche gelesen habe und mit einer Germanistin liiert bin, ist mir der Verlag noch nicht bewusst untergekommen. Offenbar ist er ein Juwel und ein Qualitätsaushängeschild in der Branche. Steidl verlegt Günter Grass und Klaus Lagerfeld und Künstler, die wirklich hochwertige Bücher gestaltet haben wollen. Ich zitiere die Welt hier aber weniger wegen der Steidlschen Bücher als vielmehr wegen des Arbeitgebers und obersten Arbeiters Steidl, so wie er im Artikel beschrieben wird.

Denn ich habe mich beim Lesen gefragt, welche Beziehung Herr Steidl wohl zu seiner Arbeit hat und wie er sie beschreiben würde. Dazu kann ich hier natürlich nur spekulieren, weil ich ihn nicht kenne. Aus dem Artikel heraus versuche ich zu verstehen, was seine Beziehung von meiner Beziehung zu dir, liebe Arbeit, unterscheidet. Ich vermute, dass alleine diese Frage schon den Unterschied kennzeichnet.

Menschen wie er – jetzt füge ich zur Spekulation noch eine Verallgemeinerung hinzu -, über die ich in Zeitungen und Büchern lese, haben ein derart inniges Verhältnis zu dem, was sie tun, dass sie es dauernd tun, ihm alles Andere unterordnen, und ihre Tätigkeit vermutlich nicht als Arbeit bezeichnen, sondern als Berufung, Lebensinhalt oder gar ihr eigentliches Sein. Sie scheinen sich zu einem großen Teil ihres Lebens einer – ihrer – Aufgabe hingegeben zu haben. Das bedeutet Anstrengung und auch mal Leid. Vor allem aber konsequentes Verfolgen der eigenen Leidenschaft.

Das ist bei mir anders. Ich habe mich selten ganz und gar einer Aufgabe verschrieben. Ich halte mich für engagiert, ich kann mich konzentrieren und an Dingen auch dranbleiben, aber so mit allem Drum und Dran habe ich das nie getan. Das kann einer der Gründe sein, weswegen ich es in keiner meiner Fähigkeiten so weit gebracht habe, dass sie auffallen könnte und jemand über mich schreiben würde. Ich bin vielleicht einer der vielen Bäume im Wald, die nur Teil von Wald sind, aber nicht aus ihm herausragen.

Wie geht es dir, liebe Arbeit, von jemandem verrichtet zu werden, der vielleicht in gar nichts irgendwie außerordentlich ist, sondern eher nur einer von vielen mittelgroßen Bäumen? Sehnst du dich danach, von jemandem erledigt zu werden, der alles so tut, als hinge sein Leben davon ab?

Ich will dir sagen, was ich denke. Oh ja, ich weiß schon, dass ich mit mir selbst rede. Also, hör zu.

Ich glaube, meine Besonderheit ist subjektiv und momentan und nicht objektiv und dauernd. Das meine ich so: Mein Tun entsteht erst genau in dem Moment, in dem ich es tue. Ein Coaching, eine Moderation, ein Führungsimpuls kann zwar vorbereitet, aber nur im Augenblick gestaltet werden. Das ist manchmal wie ein Tanz, der wohl geübt werden kann, aber nur im Moment gelingt. Du, meine Arbeit, entstehst als Möglichkeit zwischen dem, was vorher war, und dem danach, das noch nicht ist. Sozusagen an der Berührungsfläche zwischen einer Vergangenheit, die die ganzen Voraussetzungen enthält, und einer Zukunft, in der Wirkungen entstehen werden.

Und so wie aus den Interaktionen von mir mit anderen Menschen du dich im Moment als Arbeit kristallisierst, bist du nur für die Beteiligten erlebbar. Weswegen auch nur wir Beteiligten dich „erledigen“ können. Für diesen kleinen, unwahrscheinlichen, aber einzig realen Moment im Strom all dessen, was geschieht, bin ich der Einzige, der das tun kann, was dort und dann passiert. Und dafür bin ich alternativlos. Das gilt übrigens für jede und jeden. Im eigenen Tun in der eigenen Situation.

Morgens beim Anziehen vor dem Weg zur Kita stellt sich ja auch nicht die Frage, ob man selbst der weltbeste Elternteil für die anstehende Aufgabe ist. Man ist halt derjenige, der gerade da ist, und das tut, was dran ist.

Der Blick auf die Einmaligkeit der Einzelsituation, in der nur ich was tun kann und deswegen dafür auch der Beste bin, versöhnt mich möglicherweise mit den medial herausragenden Menschen, die mir überall zum Vergleich vor die Nase gehalten werden. Die sind nämlich morgens zum Anziehen im Flur gar nicht da. Meine eigene Mittelmäßigkeitsempfindung entsteht ja erst, wenn ich unterstelle, dass die besonderen Menschen vor den gleichen Aufgaben stünden wie ich. Tun sie aber nicht, die haben ihre eigenen Aufgaben zu ihren eigenen Zeiten.

Vielleicht geht es dir, liebe Arbeit, also ganz gut mit mir und meinen für manche Situationen und manche Momente gegebenen Einzigartigkeiten. Mir hilft das jedenfalls, um dir mutig zu begegnen.

Wenn die Grübelei überhand nimmt, weil mir jemand Herausragendes unterkommt, und mich die Frage beschleicht, ob der in irgendeiner Weise besser sei als ich, dann frage ich mich: Wer weiß, wie gut der meine Aufgaben in meinem Kontext hinbekäme? Und zweitens, wer sagt, dass das, worin er so gut ist, für meine Zufriedenheit in meinem Leben eigentlich relevant ist?


* Jan Küveler: „Das erklär ich Ihnen später“, in: Welt am Sonntag, #4, 23.1.2022, S. 48

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