Wie alles begann

Liebe Arbeit,

wir haben nun schon seit fast 30 Jahren eine Beziehung und ich denke, es ist an der Zeit innezuhalten und darüber nachzudenken, wie es uns beiden geht. Ich will offen und ehrlich zu dir sein, meine Hoffnungen, Wünsche und Enttäuschungen benennen und mit dir in die Zukunft schauen. Damit wir voneinander wissen, was wir uns noch so versprechen und voneinander erwarten.

Du bist von dir aus nicht so mitteilsam. Eher gibst du dich indirekt zu erkennen, deshalb lege ich mit meinen Gedanken los. Während du zuhörst, magst du vielleicht überlegen, was dir in den letzten Jahren an mir aufgefallen ist.

Ich fange vorne an und vorne ist für mich der 1.4.92*. Es ist nun nicht so, dass ich dir im April 1992 wirklich das erste mal begegnet wäre, doch war das damals der erste Vollzeitvertrag mit dir. Weißt du noch? Erst Ende März hatte ich mich bei Hewlett Packard in Böblingen beworben, hatte am Tag nach dem Vorstellungsgespräch eine mündliche Zusage mit Betriebsratsvorbehalt und eine Woche später gings schon los.

Ich war etwas perplex, als der Vertrag ankam und der Text mit „Lieber Frank“ anfing. Das klang so persönlich und familiär und auch etwas übergriffig. Ich kannte ja noch niemanden im zukünftigen Team so gut, dass Duzen angemessen schien. Ich wusste schon aus der Zeit der Diplomarbeit, die ich bei Hewlett Packard geschrieben hatte, dass die Anrede mit Vorname und „Sie“ die damals übliche Anrede war. Meine erste eigene richtige Stelle war mir dann aber so bedeutungsvoll, dass ich eine förmliche Ansprache erwartet hatte. Heute staune ich über mein damaliges Stutzen.

Der Umgang bei HP hat mich sehr geprägt und meine Einstellung zu dir maßgeblich beeinflusst. Die legendäre Firmenkultur unter dem Schlagwort „HP Way“ ging mir als Neuling schnell in Fleisch und Blut über. Ich war überzeugt, dass du überall und bei jedem Arbeitgeber so organisiert seist, wie ich das dort kennenlernte. Erst als ich „In Search of Excellence“ von den beiden McKinsey Leuten Peters und Waterman las, wurde mir deutlich, dass ich da etwas besonders mit dir erlebe.

Vermutlich habe ich aus dieser Wehmut heraus immer noch das erste Namensschild von HP in meinem Schreibtisch. Mir kommt das Kunststoffzeichen heute altbacken vor, wenn ich es anschaue. Es wirkt wie der Ausdruck einer zu laut nach außen getragenen ‚corporate identity‘. Gleichzeitig bin ich immer noch stolz drauf, das Schild zu haben. Ein eigens angefertigtes Schild mit eingefrästem Namen stellte für mich eine Absichtserklärung dar, es etwas länger miteinander versuchen zu wollen. Knapp sieben Jahre hat unsere Beziehung gehalten. Viel weniger, als ich es von meinem Vater mit seiner Lebensstellung bei IBM kannte, aber doch eine lange Strecke.

Du warst damals eine wechselhafte Partnerin. Ich hatte in unseren gemeinsamen Jahren mehrere verschiedene Jobbezeichnungen, war in drei unterschiedlichen Teams, saß an vierzehn verschiedenen Schreibtischen. Die Wechsel folgten fachlichen oder räumlichen Erfordernissen und wurden von dem immensen Wachstum getrieben, das HP damals an den Tag legte. Nach den bereit sehr erfolgreichen ersten 50 Jahren hatte man gerade Farbdrucker auf den Markt gebracht und konnte dem Bedarf nur hinterherhecheln.

Die Intensität und Ernsthaftigkeit der Firmenkultur bei HP hat mir diese vielen Veränderungen erleichtert und Inhalte miteinander verwoben, die fachlich gar nicht so nah beieinander waren. Durch die starken Unternehmenswerte entstand eine emotionale Stabilität, die Zusammenhalt bei ständiger Veränderung begünstigte. Ich habe damals das erlebt, was Amy Edmondson jetzt mit psychologischer Sicherheit betitelt, und ohne das ein gesundes Überleben in großen Organisationen kaum geht.

In diesen Jahren im Schwäbischen habe ich enorm viel über dich gelernt und das, ohne allzu viel über dich nachzudenken. Ich habe mich unbekümmert hineinbegeben in das, was es brauchte, habe vertraut und geschafft, und meine Kolleginnen und Kollegen im Tun gut kennengelernt. Durch HPs Wachstum stand für alles genug Geld zur Verfügung – das hat die Atmosphäre sicher positiv beeinflusst. Es war aber vor allem die grundpositive Haltung zum Mitarbeiter und das Vertrauen in die gute Absicht aller Beteiligten, die den Unterschied machten.

Natürlich war ich naiv und unerfahren, würde heute mit kritischerem Blick Situationen anders einschätzen und manches bewusster entscheiden. Die damalige Leichtigkeit im Sein und der ungetrübte Glaube an das Wohlwollen der Menschen um mich herum, auch der Führungskräfte, ermöglichten ein großes praktisches Experimentierfeld für uns beide. Für dich, meine Arbeit, und mich.

Wir waren damals in einem guten Sinne agil, ohne es so zu nennen. Unsere Tätigkeit ergab für uns unmittelbar Sinn, indem wir unsere Kunden rechtzeitig mit den richtigen Waren versorgten, und wir durften trotz aller Konzernrichtlinien viel autonom entscheiden und selbstbestimmt umsetzen.

Waren wir damals mutiger? Waren die Leinen länger? Hat die Führung uns mehr Vertrauen geschenkt?

Man kann nicht behaupten, dass es so gute Arbeitsumgebungen gar nicht mehr gäbe, auch wenn es sich so anfühlt. Als Berater für agile Transformationen bin ich heute häufig in Organisationen unterwegs, die mit externer Energie erstarrte Strukturen aufbrechen wollen und Wege durch das Dickicht an zentralen Vorschriften suchen, damit die ursprüngliche Leichtigkeit im gemeinsamen Tätigsein zurückkehrt. Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich eher diejenigen Unternehmen sehe, die an dieser Stelle bedürftig sind.

Wenn sie es aber schafft, die Leichtigkeit, dann fühlt sich das an, wie wenn der Wind das erste Mal richtig ins Windsurfsegel fährt, und man Fahrt aufnimmt. Solche Situationen hatten wir ja immer mal miteinander, oder?


* Dass sich das Datum wie das Jahr 1492 liest, ist purer Zufall, auch wenn der Start bei HP für mich wie die Entdeckung Amerikas war …

2 Kommentare

  1. Hallo Frank
    Ich bin gespannt wie es weiter geht
    Grüße aus dem Ländle

    Gerhard Peter
    ehem. Audi Mitarbeiter in Neckarsulm

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